Donald Trump hält die Kapitalmärkte weiterhin in Atem. Mit der Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch US-Spezialkräfte und der Forderung nach einem Kauf Grönlands – unter Androhung massiver Strafzölle gegen europäische NATO-Verbündete – hat die US-Administration eine neue Ära der „transaktionalen Geopolitik“ eingeläutet.

Während viele Marktteilnehmer nach dem Abschluss zahlreicher Individualabkommen auf eine anhaltende Beruhigung des Handelskrieges gehofft hatten, trafen die angekündigten Sonderzölle in Höhe von 10 Prozent ab dem 1. Februar und in Höhe von 25 Prozent ab dem 1. Juni nicht nur die betroffenen Staaten völlig unvorbereitet – darunter Deutschland, Frankreich, Dänemark und das Vereinigte Königreich. Auch die Aktien- und Anleihemärkte zeigten sich sichtlich beeindruckt und quittierten die Eskalation mit deutlichen Verlusten — bevor der plötzlich in Davos verkündete Verzicht auf weitere Zölle wieder zu einer Erleichterung an der Börse führte.

Für langfristig orientierte Value-Investoren galt Geopolitik lange Zeit als bloßes „Grundrauschen“, das man im Rahmen der Unternehmensanalyse vernachlässigen konnte. Auch nach der schnellen Erholung der Märkte im Anschluss an den „Liberation Day“ des vergangenen Jahres sahen viele Marktteilnehmer die alte Börsenweisheit „Politische Börsen haben kurze Beine“ bestätigt. Doch der seit einem Jahr anhaltende weltpolitische Paradigmenwechsel zwingt zu einer Neubewertung. Traten politische Risiken in der Vergangenheit eher punktuell auf – etwa im Umfeld von Wahlen oder begrenzten militärischen Konflikten –, so haben sie in den letzten zwölf Monaten einen strukturellen und systemischen Charakter angenommen.

Als fundamentale Investoren können wir unsere Entscheidungen natürlich nicht rein auf geopolitischen Spekulationen aufbauen. Herausragende Geschäftsmodelle, belastbare Cashflow-Prognosen und unternehmensspezifische Events bleiben der Kern unserer tiefgehenden Fundamentalanalyse. Jede Prognose über die nächsten Schritte einzelner Akteure in der Weltpolitik ist zum Scheitern verurteilt. Wenn jedoch willkürliche Zölle als politische Waffe eingesetzt werden, die Unabhängigkeit der US-Zentralbank unter Druck gerät und Industrieunternehmen, teilweise entgegen jeder betriebswirtschaftlichen Logik, zum Reshoring, also zur Produktionsverlagerung, gedrängt werden, darf man vor Geopolitik nicht die Augen verschließen.

Wer seinen fundamentalen Ansatz beibehalten will, muss seine Analysewerkzeuge schärfen. Auch Value-Investoren müssen prüfen, wie „politik-resistent“ einzelne Geschäftsmodelle im heutigen Umfeld tatsächlich sind. Lokal operierende Champions, die nicht auf fragile globale Lieferketten angewiesen sind, bieten beispielsweise eine deutlich geringere Angriffsfläche als komplexe globale Industriekonglomerate. Zudem rücken Unternehmen mit echter Preissetzungsmacht in den Fokus, da sie in der Lage sind, steigende Zollkosten direkt weiterzugeben. Ein gedanklicher Stresstest hilft dabei, die Widerstandsfähigkeit eines Modells selbst im Falle eines totalen Handelsstopps mit China zu evaluieren, während eine detaillierte Analyse der Wertschöpfungsketten aufzeigt, ob ein Unternehmen auch bei zunehmender militärischer Eskalation weiterhin solide wirtschaften kann.

Unsere Analyse bleibt konsequent auf das einzelne Unternehmen fokussiert. Neben einer attraktiven Bewertung und spezifischen Katalysatoren sollten die Geschäftsmodelle jedoch zusätzlich eine geopolitische Robustheit aufweisen, die sie auch in extremen politischen Szenarien erfolgreich wirtschaften lässt.

Autor:
Marcus Huettinger Kapitalmarktstratege
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