In unserem «GANÉ Express vom 28.05.2026» wiesen wir mit Nachdruck auf die anhaltenden Risiken am globalen Anleihemarkt hin: Die ausufernde Staatsverschuldung in den USA, dynamisch steigende Zinsen in Japan, das zunehmende Pleiterisiko für energieintensive Unternehmen und die geringe Wahrscheinlichkeit rascher Zinssenkungen unter Fed-Chef Kevin Warsh – all das hat uns an unserem Risk-off-Modus für Anleihen festhalten lassen.

In der Zwischenzeit hat sich die Dynamik an den internationalen Bondmärkten weiter verschärft. In Japan sind die Renditen auf JGBs mit mittel- und langfristiger Laufzeit parallel zu einer massiven Abwertung des Yen so rasant angestiegen, dass sich die USA veranlasst sahen, gemeinsam mit der japanischen Zentralbank am internationalen Devisenmarkt zu intervenieren. Die 10-jährige Benchmark-Rendite für US-Treasuries ist auf über 4,7 Prozent geklettert und die Renditen der 20- und 30-jährigen US-Papiere sind zwischenzeitlich auf über 5,3 Prozent gestiegen – ein so rasanter Anstieg, dass sich US-Finanzminister Scott Bessent dazu entschloss, die regelmäßigen Käufe langlaufender US-Staatsanleihen auszuweiten. Auch in Deutschland sind die Verwerfungen angekommen: Die Rendite der 30-jährigen Bunds ist auf deutlich über 3,7 Prozent angestiegen.

Trotz der eingeleiteten Maßnahmen der US-Regierung gibt es aus unserer Sicht für die globalen Bondmärkte keinen Grund zur Entwarnung. Im Gegenteil. Wir bleiben aus den folgenden Gründen vorsichtig:

1. Ausufernde US-Staatsverschuldung: Die fiskalpolitische Dramatik spitzt sich in den USA wie erwartet weiter zu. Zwischenzeitlich hat die absolute Staatsverschuldung die Marke von 40 Billionen US-Dollar überschritten. Da die US-Regierung weiterhin keine handfesten Maßnahmen zur Ausgabenkürzung einleitet, verlangen Anleiheinvestoren zunehmend höhere Laufzeitenprämien für langfristige Kredite an den US-Staat. An dieser Skepsis gegenüber der Tragfähigkeit des US-Haushalts wird auch das eingeleitete „Bessent-Manöver“ kaum etwas ändern können: Das Rückkaufvolumen des Finanzministeriums für langlaufende Staatsanleihen (10 bis 30 Jahre) wurde von 2 auf mindestens 4 Milliarden US-Dollar pro Operation verdoppelt. Hierzu wird im Vergleich zu Quantitative Easing (QE) zwar kein neues Geld gedruckt, zur Gegenfinanzierung wird potentiell jedoch eine höhere Anzahl kurzlaufender T-Bills emittiert. Der US-Staat leiht sich also kurzfristig Geld, um eigene langfristige Anleihen zu kaufen und so den Renditeanstieg am langen Ende der Zinskurve zu deckeln. Da das Gesamtvolumen der US-Staatsverschuldung durch diese Transaktion unverändert hoch bleibt und faktisch nur eine Umschichtung der Laufzeitenstruktur stattfindet, bleibt das strukturelle Risiko unberührt. Zudem müssen kurzfristige Anleihen deutlich häufiger refinanziert werden, was die Auswirkungen potenzieller Zinserhöhungen oder verharrender Hochzinsen noch unmittelbarer und schmerzhafter macht.

2. Verkaufsdruck aus Japan: Da Japan einen Großteil seiner Rohstoffe und Energie in US-Dollar importiert, hat der explosive Anstieg der Energiepreise aufgrund des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten in den vergangenen Monaten zu weiterem Verkaufsdruck auf den Yen gegenüber dem US-Dollar geführt. Die gigantische Staatsverschuldung in Japan in Höhe von rund 250 Prozent der Wirtschaftsleistung erlaubt der Bank of Japan faktisch keine aggressiven Zinserhöhungen, um den Yen nachhaltig zu stützen. Da Japan mit einem Bestand von über 1,1 Billionen US-Dollar weiterhin der größte internationale Gläubiger der USA ist, liegt der Verkauf von Treasuries nahe, um mit diesen Mitteln die eigene Währung zu verteidigen. Ende Juli sprang das US-Finanzministerium Tokio in einer abgestimmten Aktion am Devisenmarkt bei, da die sehr schwache japanische Währung angeblich Risiken für die gesamte Region barg. Zur Stützung verkaufte der US-Sonderfonds zur Währungsstabilisierung (ESF) Euro-Reserven, um Yen im geschätzten Gegenwert von 5 bis 10 Milliarden US-Dollar anzukaufen. Zusätzlich erleichterte Washington die Nutzung der „Foreign and International Monetary Authorities (FIMA) Repo Facility“, damit Japan größere Summen an Treasuries temporär als Sicherheit hinterlegen kann, um kurzfristig US-Dollar für Yen-Käufe zu leihen. Obwohl das japanische Finanzministerium schätzungsweise bis zu 75 Milliarden US-Dollar beisteuerte, verpuffte der Effekt an den Märkten schnell, da die strukturellen Herausforderungen auch hier bestehen bleiben.

3. Liquiditätsentzug durch KI-Boom: Da die freien Cashflows der großen Technologieunternehmen für die gigantischen Investitionen in die KI-Infrastruktur nicht mehr ausreichen, wird die Expansion zunehmend über Fremdkapital finanziert. Laut Goldman Sachs sind in diesem Jahr bereits über 400 Milliarden US-Dollar an IG-Emissionsvolumen auf das erweiterte KI-Ökosystem zurückzuführen – davon allein über 190 Milliarden US-Dollar auf die großen Hyperscaler. Allein im Sommer emittierten beispielsweise Nvidia (25 Mrd. USD), Amazon (25 Mrd. USD) und SpaceX (25 Mrd. USD via High Yield) enorme Summen am Anleihemarkt. Trotz teils abenteuerlicher Finanzierungskonzepte und Kreislaufgeschäfte saugt die Euphorie rund um den KI-Infrastrukturausbau weiterhin massiv Liquidität aus dem breiteren Unternehmensanleihemarkt ab.

4. Zu enge Credit Spreads: Die Renditedifferenz zwischen Hochzins-Unternehmensanleihen und risikofreien Staatsanleihen – die sogenannten Credit Spreads – verharren noch immer auf einem sehr niedrigen Niveau. Ausfallrisiken werden mit Blick auf den Konflikt im Nahen Osten und die hohen Energiepreise nicht adäquat abgebildet. Insbesondere energieintensive Industrieunternehmen in Europa stehen vor strukturell weiter steigenden Ausfallraten, was von den Kreditmärkten derzeit weitgehend ignoriert wird.

5. Geringere Transparenz der Fed: Kevin Warsh hat einen echten Wendepunkt in der US-Geldpolitik eingeläutet. Er bricht mit der Praxis seiner Vorgänger: Die sogenannte „Forward Guidance“, also der Ausblick auf die kommende Zinsentwicklung, wurde kurzerhand gestrichen, und beim sogenannten „Dot Plot“ hat er demonstrativ auf die Abgabe eines eigenen Datenpunkts verzichtet. Das Fed solle wieder flexibler, dynamischer und unberechenbarer agieren, so die Idee. Marktteilnehmer müssen sich wieder verstärkt auf eigene Makro-Analysen verlassen, was zu einer anhaltend höheren Volatilität am Zinsmarkt führt.

Die Unsicherheitsfaktoren am festverzinslichen Anleihemarkt haben in den vergangenen Wochen somit weiter zugenommen. Wir bleiben daher unverändert auf die Sicherheit verlässlicher Kupon-Zahlungen, kurze Laufzeiten und ein minimales Zinsänderungsrisiko fokussiert.

Autor:
Marcus Huettinger Kapitalmarktstratege
Drucken:
Schließen